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Wie leises Weinen rinnt der Regen

Trauer um Ingeburg Schirrmacher

ZEIT
Grobkörniger Wind
Nicht in die blinden Spiegel schaun.
Aber manchmal
Will ich nicht gehn.
Ich werfe den Stein
Noch weit voraus
Doch immer
Schlägt er auf wo ich bin
In Gedanken
Am Fluß schönes Grab
Hinter den Bergen
Nachsichtiges Lachen der Jungen.
Unruhig
Suche ich in ihren Gesichtern
Nach mir.

Diesen Text schrieb die Dichterin Ingeburg Schirrmacher. Sie las ihn im Rathaus von Erkner im Jahr 2017.
Vor 90 Jahren in Berlin zur Welt gekommen, mit einer Kindheit in Pflegestellen und Kinderheim, deren Erfahren sie zutiefst prägte und mehr als manch anderen für das Geschehen um uns her, für die Gefahren, die es birgt, sensibilisierte. Ihre Begegnung mit der Literatur begann – wie sie sagte – seit sie lesen kann. Alles erreichbar Gedruckte erhöhte ihr Fieber, in eine geträumte Wirklichkeit zu fliehen. Zum ersten Mal selbst zur Feder griff sie 1942 mit dreizehn Jahren, die schlimmen Anmutungen des Krieges in einem Reim abbildend “Wie leises Weinen sinkt der Regen…” In der DDR wechselten Wohnorte und Arbeitsstätten. Eberswalde sah sie als Kreissekretärin des Kulturbundes, Fürstenwalde als „Betriebsdichte-rin“ des Reifenwerkes, was vor allem Hilfestellung beim Verfassen von Brigadetagebüchern bedeutete, und Frankfurt (Oder) als Bezirkspressereferentin für das Filmwesen. Von 1981 bis 1990 leitete sie nach ihrem Fernstudium an der Fachschule für Buchhandel das Antiquariat in der Berliner Münzstraße.  Und das Schreiben? Zwar erhielt sie Ermutigung von literarischen Persönlichkeiten wie Franz Fühmann, konnte im „Sonntag“, in der „Wochenpost“ und in Literaturzeitschriften publizieren. Doch ihre fehlende Anpassungsbereitschaft an das System verwehrte den Zugang zu Verlagen. Erst nach der Wende erschienen ihre Arbeiten als Einzelausgabe und in Anthologien. Der Unangepasstheit ist sie bis zu ihrem Lebensende treu geblieben und war so für manchen unbequem. Mit ihren Ängsten vor Gegenwart und Zukunft des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft,  ihren aus eigener Erfahrung geschöpften Mahnungen, die neben zarter  Lyrik und Prosa standen. Und sie wollte gehört werden in schwieriger Zeit. So auf Veranstaltungen wie dem „Lebensbogen“ in den Jahren 2017 und 2018 im Rahmen der Gerhart-Hauptmann-Tage in Erkners Rathaus.
Am 18. Januar 2020 hat Ingeburg Schirrmacher ihren Lebensbogen ausgeschritten. Unsere Region hat eine große Dichterin verloren.